Petrus Alfonsi, Dialogus: Edition und Kommentar

Beteiligte Personen: Carmen Cardelle de Hartmann (Leitung), Philipp Roelli, Peter Stotz, Regula Forster, Peter Schwagmeier. Projektmitarbeiter: Darko Senekovic, Thomas Ziegler, Christoph Uiting.

Petrus Alfonsi und sein Dialogus

Über das Leben dieses Autors wissen wir nur sehr wenig. Er wurde als Jude im islamischen Herrschaftsbereich, sehr wahrscheinlich auf der Iberischen Halbinsel, geboren. Nach eigener Auskunft genoss er eine arabische Erziehung, kannte das jüdische Gesetz gut und legte es in der Synagoge aus. Am 29. Juni 1106 ließ er sich in Huesca (Spanien) taufen, legte seinen jüdischen Namen Moses ab und nahm den Namen des Tagesheiligen Petrus an, sowie das Patronymikum Alfonsi zu Ehren seines Taufpaten, König Alfons I. von Aragón. Petrus war später in Nordfrankreich aktiv, wo er eine Epistula ad peripateticos zur Verteidigung der arabischen Astronomie schrieb. 1120 behauptet ein englischer Autor (Walcher von Malvern), sein Schüler – vermutlich in England – gewesen zu sein. Weitere Informationen über sein Leben fehlen. Nebst dem Dialogus ist sein zweites Hauptwerk die Disciplina clericalis, eine Sammlung moralischer Aphorismen und lehrhafter Erzählungen aus der orientalischen Literatur, das auch sehr breit überliefert ist, aber schon vor fast einem Jahrhundert von Hilka und Söderhjelm kritisch ediert wurde.

Mittelalterliche Rezeption

Dem Dialogus kommt eine Schlüsselfunktion in der mittelalterlichen Auseinandersetzung zwischen den großen Religionen zu, denn in ihm finden sich zum ersten Mal im lateinischen Westen genaue Informationen über das zeitgenössische Judentum und über den Islam. Mit diesem Werk, das als Gespräch zwischen Petrus, der den Autor darstellen soll, und Moses, der unschwer als sein früheres Ich zu erkennen ist, gestaltet ist, möchte der Verfasser seinen Religionswechsel rechtfertigen. Zu diesem Zweck polemisiert er zuerst gegen das Judentum und dann gegen den Islam, um mit einer Apologie des Christentums abzuschließen. Der Dialogus erreichte im Mittelalter ein großes Publikum. Es sind gegen 100 mittelalterliche Handschriften bekannt, von denen gut die Hälfte den vollständigen Text bietet. Hinzu kommen Redaktionen, Zusammenfassungen und lange Zitate in anderen Werken, darunter im Speculum historiale Vincents von Beauvais, selbst ein weit verbreiteter, einflussreicher Text.

Unser Projekt

Dieser wichtige Text war in nur zwei Editionen verfügbar. Die Patrologia Latina (157, 535–672) bietet einen Nachdruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1536. Im Jahr 1982 erstellte Klaus-Peter Mieth im Rahmen seiner Dissertation auf der Basis einer schmalen, zufällig ausgewählten Handschriftengruppe (die Handschriften in Paris und Berlin) eine Edition, die nur in einer Leseausgabe publiziert wurde. 
Unser Projekt hat die gesamte Überlieferung untersucht und auf dieser Grundlage eine repräsentative Handschriftenauswahl getroffen. Die Entwicklung eines Algorithmus für die automatisierte Kollationierung durch Philipp Roelli und Dieter Bachmann hat es in einem frühen Stadium erlaubt, unterschiedliche Rezensionen und Redaktionen zu identifizieren. Dies hat es uns erlaubt, die Veränderungen des Textes in der Überlieferung nachzuvollziehen und eine repräsentative Auswahl der Handschriften zu treffen. Der edierte Text gibt die am breitesten überlieferte Fassung wieder, die gleichzeitig die älteste Textstufe darstellt. Die zwei wichtigsten Textrezensionen, die sehr früh entstanden, sind im Apparat dokumentiert. Die Edition wurde von Carmen Cardelle, Darko Senekovic und Thomas Ziegler erstellt und ist durch eine deutsche Übersetzung von Peter Stotz ergänzt. Dieser erste Band ist 2018 erschienen.
Der Begleitband dazu bietet den philologischen Bericht über die Editionsarbeit und den Census der erhaltenen Textzeugen, sowie der Handschriften, die in der mittelalterlichen Dokumentation erwähnt werden, aber nun verschollen sind (Carmen Cardelle, Darko Senekovic und Thomas Ziegler). Der Text wird tiefer erschlossen durch einen Zeilenkommentar und in einleitenden Kapiteln, die der Biographie und dem intellektuellen Hintergrund des Autors und der rhetorischen Gestaltung des Dialogus gewidmet sind (Carmen Cardelle). Die inhaltliche Forschung hat klar an den Tag treten lassen, dass Petrus Alfonsi sich an der hebräischen Bibel orientierte, den Talmud sehr häufig heranzog und offenbar mit weiteren nachbiblischen jüdischen Schriften (vor allem Midrasch, teilweise auch Hekhalot-Literatur) und mit der karäischen Polemik vertraut war und die arabischsprachige Philosophie – vornehmlich von jüdischen Autoren – gut kannte. Der Hebraist Peter Schwagmeier (Theologische Fakultät UZH) und die Arabistin Regula Forster (FU Berlin) standen uns beratend zur Seite. Abgerundet wird dieser zweite Band durch die Edition einer frühen Überarbeitung des Dialogus, die von Christoph Uiting erstellt wird. Der zweite Band wird voraussichtlich 2021 erscheinen.

Finanzierung

Schweizerischer Nationalfonds, Baugarten-Stiftung, Kompetenzzentrum Zürcher Mediävistik.

 

Vgl. Das Projekt im UniMagazin.