Auswahlprozesse in der lateinischen Literatur des Mittelalters

Habent sua fata libelli – Auswahlprozesse in der lateinischen Literatur des Mittelalters

Do. 6.10. – Sa. 8.10.2016

Organisation: Carmen Cardelle de Hartmann und Fabian Zogg.

Vielfältige Auswahlvorgänge, die von den mittelalterlichen Akteuren mehr oder weniger reflektiert wurden, haben die Überlieferung der lateinischen Literatur beeinflusst. Eine genaue Begründung finden wir bei der Auslese religiöser Schriften: Die Sorge um die Reinheit des Glaubens führte zur Ausscheidung von häretischen Schriften und zu einem vorsichtigen Umgang mit Apokryphen, der ihrem Fortbestand nicht zuträglich war; die Liturgie wurde normiert und allmählich vereinheitlicht, so dass Handschriften mit partikulären Formen nicht aufbewahrt wurden. Genauso folgenschwer waren mediale Wechsel – vom Papyrus zum Pergament, von der Buchrolle zum Kodex, vom Einzelblatt zur Sammlung, von der Kursiv- oder Regionalschrift zu einer normierten Buchschrift. Allerdings führten sie zu einer Auswahl ohne verbindliche Kriterien, die von vielen individuellen Entscheidungen abhing. Jeder Bibliothekar, jeder Autor und jeder Rezipient musste für die ihm anvertrauten Schriften entscheiden, welche in eine Form übertragen werden sollten, die ihre Fortdauer sicherte. Einige ausgeschiedene Texte verschwanden, andere wurden in den Bibliotheken behalten oder hatten lediglich eine geringere Verbreitung, manche wurden in späteren Epochen wieder einflussreich.

Im Kolloquium wird das Schicksal der Bücher unter diesem Gesichtspunkt diskutiert: Zu welchen Zeiten und unter welchen Bedingungen findet eine solche Auslese statt? Welche Beweggründe gibt es dafür? Äußern sich mittelalterliche Autoren darüber und wie beurteilen sie diesen Prozess? Wie beurteilen sie die Texte und ihre Geltung?

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Flyer (PDF, 1139 KB)

 

Programm:

Donnerstag, 6. Oktober 2016 (Raum RAI-F-041)

15:15 – 15:45 Begrüßung und Einführung

15:45 – 16:15 Kaffeepause

16:15 –17:15 Lukas Dorfbauer (Salzburg), Auswahlprozesse in der Überlieferung patristischer Literatur am Beispiel der lateinischen Evangelienkommentare

17:15 – 18:15 Gerald Schwedler (Zürich/Konstanz), Bavarica non leguntur. Über Auswahlprozesse in der Karolingerzeit

18:30 – 19:30 Abendvortrag (KOL F 109): Peter Dronke (Cambridge), Johannes Scottus Eriugena – Auswahl und Widerstand

 

Freitag, 7. Oktober 2016 (Raum RAA-E-29)

9:00 – 10:00 Ulrich Eigler (Zürich), Non legendi libri, sed lectitandi: Die kleine und die große Bibliothek

10:00 – 11:00 Jean-Yves Tilliette (Genf), Heurs et malheurs de la poésie épique : quelques cas d’espèce

11:00 – 11:30 Kaffeepause

11:30 – 12:30 Fabian Zogg (Zürich), Vergils Œuvre im Mittelalter: Überlegungen zur Rezeption der Appendix Vergiliana

14:00 – 15:00 Susanna Fischer (München), Autor oder Autorität: die Ausbildung einer literarischen Tradition in lateinischen Pilgerreiseberichten

15:00 – 16:00 Benoît Grévin (Paris), Les processus de sélection textuelle dans les recueils de dictamina (XIIIe-XIVe s.): exemples et contre-exemples

16:00 – 16:30 Kaffeepause

16:30 – 17:30 Pascale Bourgain (Paris), De quelques historiens peu lus: malchance ou erreur d'aiguillage

 

Samstag, 8. Oktober 2016 (Raum KO2-F-153)

9:00 – 10:00 Gilbert Fournier (Paris), Entre répression et diffusion: la fortune de l'oeuvre de Guillaume de Saint-Amour (muss leider entfallen)

10:00 – 11:00 Olga Weijers (Den Haag / Paris), Sélection et popularité des auteurs dans les universités médiévales

11:00 – 11:30 Kaffeepause

11:30 – 12:30 Thomas Haye (Göttingen), Warum Dante an der Kurie? Alessandro Astesis Commedia-Vorlesung für Papst Pius II. (1458-1464)

12:30 – 13:00 Schlusswort