et olim

Herbstsemester 2007

Dieses Semster findet keine Vorbesprechung statt.

Lateinische Offiziendichtung im Mittelalter

(Vorlesung mit Lektüre)
Prof. Dr. Felix Heinzer
Fr 14-16, erst ab 28.9!

Seit dem 10. Jahrhundert entwickelt sich ein zunehmender und immer breiter werdender Strom sog. Offiziendichtungen (in der Terminologie der Zeit meist als Historiae bezeichnet), die der besonderen liturgischen Ausgestaltung von Festtagen, insbesondere neu eingeführter Heiligenfeste, in der Feier des Tagzeitengebets (Offizium) dienen sollten. Die im Laufe der Zeit entwickelten formalen Lösungen sind ausgesprochen vielgestaltig und reichen von Konglomeraten aus „Poesie“ und (Kunst-)„Prosa“ bis hin zu einheitlichen, „durchkomponierten“ Gebilden mit homogenen Vers- und Reimstrukturen.
Ziel der Lehrveranstaltung ist – nach einer kurzen Einführung in die Grundstrukturen des mittelalterlichen Stundengebets - ein Überblick über die großen Entwicklungslinien dieser Textgattung anhand exemplarischer Beispiele. Das Interesse soll dabei vor allem der Frage gelten, welches Bild der gefeierten Heiligen durch die Historia propagiert wird und welche poetologischen Techniken und Strategien dabei zur Anwendung kommen.
Grundsätzlich ist Offiziendichtung ein Phänomen textlich-melodischer Interaktion; auf musikalische Aspekte wird allerdings lediglich punktuell und subsidiär hingewiesen.

Literatur
- Ritva Jonsson, Historia. Etudes sur la genèse des offices versifiés, Stockholm 1968
(Studia Latina Stockholmiensia 15)

- Die Offizien des Mittelalters. Dichtung und Musik, hrsg.von David Hiley, Tutzing 1999

Karolingische, ottonische und frühsalische Literatur auf der Reichenau und in St. Gallen

(Vorlesung)
Prof. Dr. Felix Heinzer
Fr 10–12, erst ab 28.9!

Die durch vielfache Beziehungen miteinander verbundenen Bodenseeklöster Reichenau und St. Gallen bilden zusammen mit dem Bischofssitz Konstanz Brennpunkte der frühmittelalterlichen Kulturgeschichte ihres alemannischen Umfelds und sind zugleich Zentren von überregionalem, ja europäischem Rang. Den internationalen Stellenwert der beiden Klöster in der karolingischen Reichs- und Kirchenpolitik belegen exemplarisch Figuren wie Walahfrid Strabo, Erzieher Karls des Kahlen, Grimalt, als Abt von St. Gallen auch Kanzler Ludwigs des Deutschen, oder Waldo, Abt von Reichenau und St. Denis sowie Bischof von Pavia und Basel.
Die Vorlesung will einen Einblick in Schwerpunkte der reichen Literaturproduktion der beiden Klöster bis ins frühe 11. Jahrhundert vermitteln und dabei sowohl die Spezifika der beiden Klöster als auch ihre Vernetzung in größeren literarhistorischen Zusammenhängen deutlich machen. Für die Reichenau soll das Panorama von dem bereits genannten Walahfrid über die anonym überlieferte „Hausliteratur“ des 10. Jahrhunderts bis hin zur frühsalischen Zeit mit Bern und Hermannus Contractus, für St. Gallen von der spätkarolingischen Generation des „goldenen Zeitalters“ mit Notker Balbulus, Tuotilo, Hartmann und Ratpert bis zu Ekkehart IV., dem Vollender der Casus Sancti Galli, reichen.

Literatur
- Peter Stotz, Ardua spes mundi. Studien zu lateinischen Gedichten aus St. Gallen, Bern 1972; Walter Berschin, Eremus und Insula. St. Gallen und die Reichenau im Mittelalter. Modell einer lateinischen Literaturlandschaft, Wiesbaden 1987

Einführung in das Studium der lateinischen Sprache und Literatur des Mittelalters

(Proseminar)
Philipp Roelli
Do 12–14

Dieser Kurs in lateinischer Mediävistik hat zum Ziel, eine solide Grundausbildung für weitere Studien des (lateinischen) Mittelalters zu schaffen. Anhand eines weitgehend bibliographisch ausgerichteten Skriptums werden wir sprachliche und literarische Themen je in einer Doppelstunde erarbeiten. Besonderes Augenmerk wird nicht auf Auswendiglernen mittellateinischen „Stoffs“ gelegt, sondern darauf, zu lernen wie man Probleme, die im praktischen Leben als Mediävist auftreten, bewältigt.

Zuerst werden sprachliche Hilfsmittel vorgestellt, dann Handschriften und deren Bearbeitung (wenn zeitlich möglich mit einer Handschriftenexkursion in die Zentralbibliothek) bis hin zur Erstellung einer kritischen Textausgabe. In der zweiten Semesterhälfte werden wir uns vornehmlich mit Literatur, bzw. Literaturgattungen beschäftigen: von der lateinischen Bibel bis hin zur Rhetorik und Dichtung.

Bei alledem werden wir immer wieder praktische Textbeispiele antreffen, um unser eigentliches Studienobjekt – lateinische Texte – nicht aus den Augen zu verlieren. Von Stunde zu Stunde werden kleine Hausaufgaben verteilt. Da unsere Zeit für eine einigermassen vollständige Behandlung des Stoffes sehr knapp ist, wird auf Studentenvorträge verzichtet. Schriftliche Arbeiten sind möglich, aber nicht obligatorisch.



Literatur
- Skriptum des Vorjahres: http://www.unizh.ch/mls/files/Roelli_-_Mittellatein_2.pdf


Sommersemester 2007

Vorbesprechung: Montag, 5. Februar 2007, 12:00, im Mittellateinischen Seminar, KO2 F 156

Literaturgeschichte im Überblick: Die Karolingerzeit

(Vorlesung mit Lektüre)
Stotz
Mo 10–12

Im Rahmen dieser Veranstaltung soll zu den Hauptgestalten und -erscheinungen der lateinischen Literatur des Mittelalters ein erster Zugang vermittelt werden, dies durch Vorlesungs- und Lektüreeinheiten im Wechsel. Nachdem im vergangenen Wintersemester die Übergangszeit und das Frühmittelalter behandelt worden ist, ist dieses Sommersemester ganz den Schriftstellern der Karolingerzeit gewidmet. Dazu gehören Paulus Diaconus und Alkuin, Theodulf und Einhart, Hrabanus Maurus und Walahfrid Strabo, Johannes Scotus, Lupus von Ferrières, Remigius von Auxerre und andere. Die Zeit ist geprägt durch vielseitig tätige Persönlichkeiten, die an dem kirchlichen und kulturellen Aufbauwerk der karolingischen Herrscher teilnahmen. Durch ihre gelehrten Studien und durch eigene schriftstellerische — besonders auch dichterische — Tätigkeit knüpften sie aufs Neue bei der paganen und christlichen Antike an. Damit haben sie dieser, über alle kulturellen Einbrüche hinweg, ein von da an kontinuierliches Fortleben verschafft.

Einführung in die Vers- und Strophenformen der lateinischen Dichtung des Mittelalters

(Spezialkurs)
Stotz
Di 12–14

Verslehre ist einesteils eine philologische Hilfswissenschaft, die dazu dient, die Formen gebundener Texte zu beschreiben, seien diese nun metrisch-quantitierend oder rhythmisch-akzentuierend gebaut. Andernteils geht es darum, den Zuordnungen bestimmter Versmaße zu einzelnen literarischen Genera sowie den (behaupteten) Affinitäten zu bestimmten Stimmungsgehalten nachzugehen, ferner Versmaßtraditionen, wie sie z. B. in der Großform ‘Prosimetrum’ bestehen, zu verfolgen. Kurz: die Lehre von den Vers- und Strophenformen führt, bei technischen Gegebenheiten beginnend, unversehens in verschiedene Aspekte der Literaturgeschichte. Die beiden Schwerpunkte der mit vielen Übungsbeispielen ergänzten Vorlesung sind: die Rezeption und Weiterentwicklung bzw. Umdeutung der antiken metrischen Versmaße im Mittelalter und die Herausbildung neuer Liedformen auf der Basis von Rhythmus und Reim.

Literatur
- KLOPSCH, Paul. Einführung in die Mittellateinische Verslehre. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1972. ISBN: 3-534-05339-7 – MLS-Signatur: Ha 536
- NORBERG, Dag. Introduction à l’étude de la versification latine médiévale. Almqvist & Wiksell, Stockholm, 1958. – MLS-Signatur: Ha 113

Mittelalterlichen Philologen bei der Arbeit zugeschaut

(Vorlesung mit Übung)
Stotz
Mi 14–16

Beabsichtigt ist ein Stück historischer Verhaltensforschung: die Erkundung dessen, wie sich mittelalterliche Gelehrte gegenüber den Handschriften, den Texten, deren Autoren und gegenüber der Sprache verhalten haben. Wie sie nach Handschriften suchten, solche entliehen und abschrieben, wie sie die Texte berichtigten, ihre Überlieferung verbesserten und auch steuerten. Wie sie, nächst der Textkritik, auch Kritik an den Texten selber übten — sogar an deren Autoren, vor allem aber: an ihren Kollegen. Uns interessiert, wie bestimmte Sprachkonventionen ermittelt, beurteilt und auch beeinflußt wurden und wie man ihnen Respekt zu verschaffen versuchte. Auch werden wir der Frage nachgehen, wie man einzelne Sprachen erlernte und miteinander verglich. Wir werden von dem großen Interesse mittelalterlicher Menschen für die Antike erfahren, werden ältere Modelle für die philologische Tätigkeit herausarbeiten und nach dem Selbstverständnis einzelner Philologen-Typen, etwa des auctorista, fragen. Die Bibelphilologie als Paradigma philologischer Tätigkeit wird besonders in den Blick gefaßt. Und schließlich soll auch danach gefragt werden, worin das Neue an der Philologie der Humanisten bestand.

Die Schrift ‘Metalogicon’ des Johannes von Salisbury

(Seminar)
Peter Schulthess / Peter Stotz
Mi 10–12

Johannes von Salisbury (etwa 1115/20-1180), Philosoph, Staatsdenker und Geschichtsschreiber, ist eine der namhaftesten Gestalten der Renaissance des 12. Jahrhunderts und ist mit den antiken Überlieferungen vertraut wie nur wenige in seiner Zeit. In seinem ‘Metalogicon’ (1159 abgefasst und Thomas Becket, dem Erzbischof von Canterbury gewidmet) nimmt er konkret auf den Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit Bezug. Er entwirft darin das Konzept einer wissenschaftlichen Methode auf der Grundlage der Artes liberales als Gefässen einer humanistischen Kultur. Das ‘Metalogicon’ ist eine Streitschrift; seine(n) Gegner benennt er mit Cornificius, dem Namen jenes neoterischen Dichters, der als Widersacher Vergils galt. Johannes verteidigt das Studium der artes des Trivium, besonders der Logik bzw. Dialektik als besten Weg zu Weisheit, Tugend und Glück. Im Seminar wollen wir vor allem folgende Partien übersetzen und erarbeiten: die Kapitel, die den Unterricht Bernhards von Chartres charakterisieren (I.24) und Johannes’ Studium in Paris behandeln (besonders II.10); die, welche seine Logik-Konzeption vorstellen (II.1; II.3) und die das dafür wichtige Verständnis der Topik erläutern (z. B. II.4,5,15; III.5), und schliesslich seine berühmte Darstellung der Positionen im Universalienstreit (II.17-20).

Literatur
- Ioannis Saremsberiensis. Metalogicon. Edidit J.B. HALL, auxiliata K.S.B. KEATS-ROHAN. Corpus Christianorum, Continuatio Medievalis, 98. Turnholti, Brepols, 1991. – MLS-Signatur: Ioha Sare 3.1.2. [kritische Ausgabe]
- MCGARRY, Daniel D. The Metalogicon of John of Salisbury. A Twelfth-Century Defense of the Verbal and Logical Arts of the Trivium. Translated with an Introduction and Notes by D’ McG’. Gloucester, Mass., Peter Smith, 1971. – MLS-Signatur: IohaSare 3.2.1. [englische Übersetzung]

Hochmittelalterliche Schwankdichtungen (“elegische Komödien”)

(Lektüre)
Carla Piccone
Mo 14–16

Diener, die ihre Herren betrügen, untreue Frauen, Liebhaber, getäuschte Ehemänner, paradoxe Situationen sind die charakteristischen Elemente des Babio, eines anonymen Werkes, das im Mittelpunkt dieser Lektüre stehen soll. Es wurde wahrscheinlich im 12. Jahrhundert im englischen Gebiet verfasst, und wird als „elegische Komödie“ bezeichnet. Damit bezeichnet man ein corpus von etwa zwanzig Stücken, deren gemeinsame Merkmale die Benutzung des elegischen Distichons, die misogyne Einstellung, das Thema „Liebe“, der Anklang an ovidianische Versifikation und die Typologie der Diener sind.
Unsere Lektüre hat zum Ziel die besonderen Eigenheiten dieses Textes zu eruieren, seine Quellen und sein Fortleben zu bestimmen und die Gedankenwelt zu rekonstruieren, die dieses Werk produziert hat.

Literatur
- Lateinische Comediae des 12. Jahrhunderts. Ausgewählt und übersetzt mit einer Einleitung und Erläuterungen von Joachim SUCHOMSKI unter Mitarbeit von Michael WILLUMAT. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1979. ISBN: 3-534-06700-2 – MLS-Signatur: Comoedi 1.1.4. [deutsche Übersetzung]
- Commedie Latine del XII e XIII Secolo. Istituto di Filologia Classica e Medievale, Università di Genova, Facoltà di Lettere, 1980. Band 2, pp. 129-303: Babio, a cura di Andrea DESSÌ FULGHERI. – MLS-Signatur: Comoedi 1.1.5:2 [kritische Ausgabe]

Lateinische Quellen des Mittelalters in ihrem sprachkulturellen Kontext: Texte aus verschiedenen Anwendungsbereichen

(Kursorische Lektüre)
Darko Senekovic
Do 14–16

Die kursorische Lektüre soll den Zugang zu vielfältigen Textgattungen des Mittelalters erleichtern und Studierende der unterschiedlichen Fächer auf die Arbeit mit in lateinischer Sprache verfassten Quellen des Mittelalters vorbereiten. Dabei werden die Teilnehmenden auch mit den wichtigsten Methoden und Hilfsmitteln der mittellateinischen Philologie vertraut gemacht. Im Mittelpunkt der Lektüre stehen Gebrauchstexte wie z.B. Urkunden oder Protokolle. Aber auch exemplarische Texte aus anderen Anwendungsbereichen, die in den historischen Fächern (Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Linguistik der älteren Sprachstufen, Rechtsgeschichte) häufig als Quellen dienen, werden in die Lektüre miteinbezogen.


Ulrich Eigler / Thomas Fleischhauer
Kolloquium:
Beatus Rhenanus oder Wie wird man Humanist?

Mo 08-10


Wintersemester 2006/07

Vorbesprechung: Montag, 3. Juli 2006, 12:00,
im Mittellateinischen Seminar, KO2 F 156

Seminar Eigler / Stotz: Montag, 3. Juli 2006, 12:30,
im Mittellateinischen Seminar, KO2 F 156

Literaturgeschichte im Überblick: Übergangszeit und Frühmittelalter

(Vorlesung mit Lektüre)
Stotz
Mo 10–12

Literaturgeschichte nach Epochen steht heute in keinem guten Ruf: aspektbezogenes Herausgreifen von Einzelnem gilt für zeitgemäßer. Dennoch muss immer wieder der große Überblick gesucht werden, auch wenn dieser niemals so souverän und umfassend sein kann, wie es zu wünschen wäre. Daher wird ein summarischer Durchgang durch die Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters im Zeitraum von fünf Semestern angeboten. Dies in einer Veranstaltungsform, in welcher Vorlesungsblocks und Lektürestücke kleinräumig miteinander abwechseln: auf eine allgemeine Einführung folgt jeweils die Vertiefung in ein exemplarisches Stück aus einem der besprochenen Werke. Dieser Zyklus beginnt dieses Semester neu mit der Zeit, die den Grenzsaum zwischen ausgehender Antike und Mittelalter bildet. Behandelt werden Cassiodor, Benedikt, Gregor der Große, Venantius Fortunatus, Gregor von Tours, Isidor, Eugenius von Toledo, Gildas, Aldhelm, Beda und einige andere. In ihren Werken äußert sich der politische, zivilisatorische und geistige Umbruch jener bewegten Jahrhunderte in mannigfacher Weise.

Erzählen im lateinischen Mittelalter

(Vorlesung mit Lektüre)
Stotz
Di 12–14

Im lateinischen Mittelalter bricht an allen Ecken und Enden die Lust am Erzählen hervor. Manche Stoffe aus der Antike hat man nachgestaltet oder fortgesponnen: Kriegerisch-Heroisches gleich den Sagen um Troja oder dem Komplex des Alexanderromans, dazu Schwankhaftes aus der Sphäre der Komödie oder Erbauliches mit geschichtlichem Anstrich, so in den ‘Gesta Romanorum’. Hinzu kommen Erzählungen um Gestalten aus dem Mittelalter selber: Versepen wie ‘Waltharius’ und ‘Ruodlieb’, die Sagen um Karl den Großen und Herzog Ernst und viele andere. Neben Romanen und Novellen behauptet sich aber auch Erzählgut in kleinen Formen, einzeln oder zu Sammlungen verarbeitet. Hier gibt es Exempla geistlich-moralischen Charakters, wie geschaffen zum Einbau in Predigten, andererseits Erzählungen aus dem Orient, mit denen Urbanität und gute Lebensart vermittelt werden soll. Vielfach laufen neben den lateinischen Gestaltungen eines Stoffes solche in den Volkssprachen einher. Mit dieser Vorlesung, welche von einer Textlektüre begleitet ist, wollen wir versuchen, anhand eines repräsentativen Querschnittes einen gewissen Überblick über diese — an sich natürlich unerschöpflichen — Reichtümer zu gewinnen. Dabei wird vom Kleinteiligen (“Kurzgeschichten”) über Novellistisches zu den großen Romanstoffen fortgeschritten

Bibliotheken in der Literatur vom Altertum bis zur Renaissance

(Seminar)
Ulrich Eigler/Peter Stotz
Do 16–18

Bibliothek” ist das Zentrum europäischer Kultur. Sowohl als konkreter Raum wie auch als Metapher für Wissen bezeichnet sie Kontinuität und Sicherung von Traditionen, die insbesondere die christliche Antike sowie das Mittelalter auszeichnen.
Beginnend mit dem 4. Jh. und einem kleinen Ausblick in die Vorgeschichte soll die Entwicklung des Raumes “Bibliothek” wie auch des Nachdenkens über Bibliotheken und Bücher anhand herausragender Beispiele bis in die Renaissance betrachtet werden.
Wir betreiben Lektüre von Originaltexten und verbinden diese mit dem Besuch konkreter Bibliotheken; geplant ist vor allem ein Besuch in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Für einen Seminarschein in der Klassischen Philologie sollte ein Referat übernommen sowie eine schriftliche Arbeit angefertigt werden. Die Veranstaltung kann auch als reine Lektüreübung besucht werden.

Einführung in das Studium der lateinischen Sprache und Literatur des Mittelalters

(Proseminar)
Philipp Roelli
Mi 12–14

Abcedarien, Bestiarien, Evangeliarien, Hymnarien, Legendarien ... : das Spektrum der lateinischen Literatur und Sprache des Mittelalters ist breit und vielfältig. Das Proseminar bietet eine methodische Einführung in den Umgang und die Beschäftigung mit lateinischen Texten des Mittelalters. Dabei sollen die verschiedenen Aspekte der Sprache (Entwicklung, Hilfsmittel), der Überlieferung (Paläographie, Kodikologie, Ekdotik) und der literarischen Gattungen (Heiligenvita, Bibeldichtung, Visionsliteratur, Hymnen, Vagantendichtung etc.) näher betrachtet werden, darüber hinaus werde ich die für die literarische Analyse wichtigsten Hilfsdisziplinen kurz behandeln (Rhetorik und Verslehre).
Als Bestandteil einer allgemeinen mediävistischen Grundausbildung ist dieser Grundkurs für alle Studierenden geeignet, die sich mit dem Mittelalter befassen. Historikerinnen und Historikern wird die Teilnahme an diesem Kurs als Besuch eines freien Proseminars an ihre Studienleistungen angerechnet. Interessierte aller Fachrichtungen und auch Auditoren sind herzlich willkommen
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Kunst und Handwerk im 12. Jahrhundert — ‘De diversis artibus’ von Theophilus Presbyter

(Kolloquium)
lic. phil. Schleich, Frank
Mi 14–16

Um 1100 verfasste der Benediktinermönch Theophilus Presbyter eine Schriftensammlung zu zahlreichen kunsthandwerklichen Techniken, wie Miniaturen-, Wand- und Glasmalerei, aber auch zu Goldschmiedekunst, Glockenguss und Orgelbau. In einer kursorischen Lektüre werden einzelne Kapitel des lateinischen Textes gemeinsam übersetzt und mit den Erkenntnissen der neueren Forschung zu Theophilus verglichen

Literatur: Brepohl, Erhard: Theophilus Presbyter und das mittelalterliche Kunsthandwerk, 2 Bde., Köln 1999
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Wintersemester 2005/2006


Sprachzustände und sprachliche Register im mittelalterlichen Latein

(Vorlesung mit Übung)
Stotz
Mo 10–12

Die eigentliche Schriftsprache des europäischen Mittelalters, das Lateinische, zeigt sich je nach Zeitabschnitt und Region, aber auch je nach Anwendungsgebiet und Textsorte in unterschiedlichen Nuancierungen. Darin äußern sich bildungsmäßige und zivilisatorische Gegebenheiten, schulische und literarische Traditionen, Einflüsse von Substratsprachen, aber auch bestimmte Aussageintentionen und Stilhaltungen. Konkret wird die Rede sein von regionalen Ausprägungen im Frühmittelalter, klassizistischen Tendenzen in der Karolingerzeit und im Hochmittelalter, von der Sprache der Scholastik und derjenigen des naiven Erzählens im Spätmittelalter, im Weiteren von unterschiedlichen Stilmerkmalen innerhalb gewisser Genera, schließlich auch von Schmuckformen der Sprache in Prosa und Dichtung. — Die Lehrveranstaltung wird als Vorlesung mit begleitender Übung geführt. Den HistorikerInnen, die aktiv mitarbeiten, wird die Veranstaltung als Kolloquium angerechnet.


Literaturempfehlung (zum Einlesen und zur Vertiefung): Pascale Bourgain, Le latin médiéval (L’atelier du médiéviste 10). Turnhout 2005.

Alanus ab Insulis, 'Anticlaudianus'

(Lektüre)
Stotz
Di 12–14

Der ’Anticlaudianus’ des Alanus ab Insulis (Alain de Lille, um 1128 bis 1202) gehört zu den bedeutendsten Dichtungen des lateinischen Mittelalters insgesamt. Dieses allegorische Epos, in welchem mancherlei spätantike Traditionen aufgenommen sind, und das etwa in Dantes ’Divina commedia’ seine Spuren hinterlassen hat, hat die Schaffung des idealen Menschen zum Thema, und zwar auf dem Hintergrund einer platonisierenden Weltdeutung, welche die christliche Gedankenwelt wohl zur Voraussetzung hat, doch sich ihr ein Stück weit enthebt. Dies geschieht vor allem dadurch, daß an die Stelle der konkreten Heilsgeschichte eine spekulative Heilsutopie gestellt wird. Bedeutend ist darin vor allem die Rolle der Natura, einer in Gottes Namen handelnden Macht innerhalb der Welt. Die Dichtung fand sofort große Beachtung: sie wurde kommentiert, illustriert, in explizit-christlichem Sinne umgeschrieben und sogar zu einem Geistlichen Spiel verarbeitet. Unsere Lektüre soll uns erlauben, in die Gedankenwelt des hochmittelalterlichen Humanismus einzudringen und zugleich ein bedeutendes, facettenreiches und gefälliges Stück Dichtung kennenzulernen. Bei aller Vielschichtigkeit des Inhalts und trotz der hochstehenden poetischen Diktion erschließt sich das Werk verhältnismäßig leicht; auch stehen eine englische Übersetzung und eine deutsche Nachdichtung als Hilfe zur Verfügung.

Lateinische und deutsche Briefliteratur des Mittelalters und der frühen Neuzeit

(Seminar)
Paul Michel/Peter Stotz
Do 16–19

Briefe sind meist zur einmaligen Lektüre gedacht; einige bewahren wir aber auf und lesen sie wieder. Briefe haben mit der mündlichen Kommunikation die Unmittelbarkeit und die unausgesprochen vorausgesetzte Situierung gemein; dennoch sind sie im Medium der Schriftlichkeit fixiert. Vier Dimensionen sind zu beachten: Gegenstand, Absicht — Anlass und Umstände, Beziehung Absender / Empfänger — Form und Stil — abkünftige Modi, Indienstnahme des Briefformats. Besonderes Interesse verdienen: didaktische oder mystagogische Briefe, Briefe von Kaufleuten, politische Briefe, solche fiktiver Autoren (Alexander d. Gr., der Teufel, Himmelsbriefe). Verschiedene Fragen stellen sich: Gibt es Epochen und Personenkreise, die dem Briefeschreiben besonders zugetan sind? Läßt sich der Text ohne den Kotext verstehen? Inwiefern vermag die schreibende Person etwas von ihrem Selbst auszudrücken? Was geschieht, wenn Briefe thesauriert und kotextlos tradiert werden? In älterer Zeit galten bestimmte Konventionen des Aufbaus und des Stils; sie waren in Musterbriefsammlungen, Briefstellern, Formelbüchern und Artes dictaminis zusammengestellt. Auf diesem Hintergrund sind Vermutungen über ”individuelles Schreiben” zu untersuchen. In der erzählenden Literatur und in der Minnelyrik gibt es Briefe einzelner Figuren, dazu kommen ”heroischen Briefe” im Gefolge von Ovids ”Heroides”, die der Herausmodellierung von Emotionen dienen. Welche zusätzlichen kommunikativen Funktionen ergeben sich nun dadurch, daß ein Thema im ”Format” Brief dargestellt wird? Inwiefern kann gerade der Brief als Instrument der Reflexion auf das eigene Selbst dienen? Wie wird die ursprüngliche Kommunikationssituation instrumentalisiert, wenn ein Dritter als Leser mit-intendiert ist? — Eine Liste von Themen steht an der Vorbesprechung zur Verfügung. Ein Anthologie von Quellentexten und Bibliographie mit Forschungsliteratur wird in den Semesterferien zusammengestellt.

Ein frauenmystischer Text im 14. Jahrhundert: Der 'Liber specialis gratiae' der Mechthild von Hackborn

(Übung)
Kumiko Umehara
Mo 14–16

Der Liber specialis gratiae Mechthilds von Hackeborn (1241-1299) gehört zu den wenigen frauenmystischen Texten, die bis in die Neuzeit hinein breit rezipiert wurden: lateinisch und in Übersetzungen ist er in über 250 Handschriften, außerdem in Frühdrucken überliefert. In der Forschung wurde er lange Zeit — bis zu dem Aufsatz ”Eine Form der zisterziensischen Frauenfrömmigkeit” von Alois Haas (1984) — nur am Rande behandelt. Auch die Gestalt der Verfasserin stand lange im Schatten zweier anderer Mystikerinnen, die wie sie im Kloster Helfta (Thüringen) lebten: Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg. Helfta war damals ein blühendes Literaturzentrum. Die Helftaer Schwestern waren vertraut mit den Werken Augustins, Gregors I., der Viktoriner, Bernhards von Clairvaux und anderer; sie beziehen sich auf sie jedoch weniger in Form von Begriffen, sondern in symbolischer Bildsprache. Dieser Bildsprache, dieser mannigfaltigen Metaphorik bedienten sie sich, um ihre Visionen zu schildern. Im Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit steht das Herz Jesu als Ort tiefster religiöser Erfahrung.
In der Lektüre versuchen wir anhand des Textes, die Symbole und die Bildsprache Mechthilds von Hackeborn zu entschlüsseln, deren traditionsgeschichtliche Hintergründe zu erschließen, und ihre Visionen in den ihnen angemessenen historischen Kontext einzuordnen.

Kolloquium 'Antike und Christentum' : Synesios von Kyrene: Hymnen und andere Texte

(Interdisziplinäres Kolloquium)
Silke-Petra Bergjan, Manuel Baumbach, Ulrich Eigler, Beat Näf, Peter Stotz, Samuel Vollenweider
Fr 14–16, alle 14 Tage

Anhand ausgewählter Passagen wird das griechische Werk des Bischofs und neuplatonischen Philosophen Synesios von Kyrene (ca. 370-413 n. Chr.) in interpretierender Lektüre vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen dabei die neun Hymnen, durch die Synesios eine neue Ausdrucksform der Religiösität zu finden sucht, die sich formal in die klassisch-antike Hymnik einordnet, inhaltlich den Brückenschlag zwischen heidnischer Paideia, neuplatonischer Philosophie und christlichem Glauben leistet. Mit der Lektüre von Auszügen aus seinen Briefen sowie aus den Ägyptischen Erzählungen — dem Bericht seiner Gesandtschaft an den Kaiserhof von Konstantinopel — werden zudem wichtige zeitgeschichtliche und sozio-kulturelle Hintergründe und Entstehungsbedingungen seiner Werke besprochen.
Die Veranstaltung richtet sich primär an Lehrende und Studierende der Fächer Klassische Philologie, Lateinische Philologie des Mittelalters, Theologie, Philosophie und Alte Geschichte, die in gemeinsamer Lektüre die interdisziplinären Facetten des Œuvres erarbeiten möchten. Weitere Interessierte sind herzlich eingeladen. Griechischkenntnisse werden empfohlen, sind aber keine Voraussetzung für die Teilnahme.

Wintersemester 2005/2006

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 27. Juni 2005, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar,
KO2-F-156, Karl Schmid-Str. 4.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Literaturgeschichte im Überblick: Das Spätmittelalter

(Vorlesung mit Lektüre)
Stotz
Mo 10–12

Im Rahmen eines fünfsemestrigen Lehrveranstaltungszyklus, welcher über die Haupterscheinungen der lateinischen Literatur des Mittelalters einen gewissen Überblick vermitteln soll, beschlägt dieser letzte Teil das Spätmittelalter, von etwa 1200 bis gegen 1500. Hier herrscht embarras de richesse, bestehen aber auch heikle Abgrenzungs- und Wertungsprobleme. Versucht wird, anhand der Besprechung einzelner Autoren verschiedene Aspekte des spätmittelalterlichen Geisteslebens und wichtiger Zeitfragen sichtbar zu machen: Vermittlung und Synthese älteren Wissensgutes wie auch dessen Erweiterung, Theologie mehr mystischer oder mehr systematischer Richtung, Reflexion über die Kirche, die weltliche Macht und deren rechte Stellung zueinander, neue Formen des Umgangs mit der antiken Überlieferung u. a. m. Behandelt werden Johannes von Garlandia, Vinzenz von Beauvais, Bonaventura, Thomas von Aquin, Roger Bacon, Albertino Mussato, Marsilius von Padua, Konrad von Megenburg, Johannes Gerson, Alain Chartier, Enea Silvio Piccolomini und andere. – Der Besuch der vorangegangenen Teile des Zyklus wird nicht vorausgesetzt.

Warum in Versen? Versifikation als literarisch- kulturelle Praxis

(Vorlesung mit Übung)
Stotz
Di 12–14

Das lateinische Mittelalter ist überreich an Dichtung, und deren Inhalte und Ausdrucksformen sind höchst mannigfaltig. Aus dieser Fülle wird hier, zeitübergreifend, ein ganz bestimmter Abschnitt in den Blick gefasst, nämlich die Umsetzung bereits vorhandener Prosatexte in Dichtung. Und auch hierin äußert sich eine nahezu unüberblickbare Vielfalt. Ziel der Vorlesung und der begleitenden Übung ist, mit wichtigen Textgruppen und Einzeltexten Bekanntschaft zu schliessen. Dabei geht es nicht lediglich um einzelne inhaltliche Gattungen und formale Texttypen, sondern darüber hinaus um die Art und Weise der Umsetzung von Prosa ins dichterische Medium, um die damit verbundenen Wirkungsabsichten, Zielsetzungen und Ergebnisse. Allgemeiner gesagt: es ist uns um "Dichtung" zu tun nicht allein im Sinne des erzeugten Objektes, sondern auch im Sinne von dessen Erzeugung: um dichterische Tätigkeit als kulturelle Praxis. Die Lehrveranstaltung ist gedacht als erste Standortbestimmung in bezug auf das Forschungsprojekt "Funktionen lateinischer Versifikation im Mittelalter" innerhalb des Nationalen Forschungsschwerpunktes "Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen : Historische Perspektiven".


Mittelalterliche Kommentare zu christlichen Hymnen

(Seminar)
Stotz
Mi 14–16

In einer Lehrveranstaltung des abgelaufenen Semesters haben wir die Kommentierungstätigkeit in der ausgehenden Antike und im Mittelalter als Gesamterscheinung in den Blick zu fassen gesucht. In diesem Seminar nun soll ein ganz schmaler Ausschnitt eingehender erkundet werden: ein Bereich, der in der Forschung etwas vernachlässigt wird, nämlich die Kommentierung kirchlicher Hymnen im Hoch- und Spätmittelalter. Teils geht es um Einzelwort-Glossierungen der Hymnentexte im Hinblick auf deren Verwendung im Elementarunterricht, großenteils jedoch um zusammenhängende Kommentare im Hinblick auf deren theologischen Gehalt und die Aussageintentionen ihrer Verfasser. Ein Extrem stellt eine Kommentarschrift dar, in der ein Hymnus zum Vorwand für einen ausladenden grammatischen Traktat genommen wird. Einesteils lernen wir grosse, zusammenhängende Hymnenkommentierungen kennen, so die noch kaum erschlossene 'Expositio hymnorum' des Hilarius oder diejenige des Zisterzienserhymnars, sodann aber auch Kommentare zu einzelnen Texten. Bei alledem legen wir es immer wieder auf kontrastierende Gegenüberstellungen an. Zum Teil arbeiten wir mit noch unediertem Material. – Zu dieser Veranstaltung sind alle Interssierten eingeladen, auch wenn sie an der vorangegangenen Kommentarvorlesung nicht teilgenommen haben.


Merlin im Klartext: die mittelalterlichen Kommentare zu den ‘Prophetie Merlini’ des Galfred von Monmouth

(Seminar)
Stotz/Richard Trachsler/Clara Wille
Fr 8.30-12, alle 14 Tage

Die Prophetie Merlini, die Galfred von Monmouth in seiner um 1135 entstandenen 'Historia regum Britanniae' dem Propheten Merlin in den Mund legt, gehören zum Rätselhaftesten, was die mittelalterliche Literatur produziert hat : in einer langen Reihe von Prophezeiungen, in der häufig Tiere eine Rolle spielen, sagt Merlin die Zukunft Britanniens voraus. Verständlicherweise hat die dunkle Sequenz während des ganzen Mittelalters Anlass zu Kommentaren gegeben. Diese Kommentare, die nur zum Teil ediert sind, sind hauptsächlich auf Lateinisch verfasst, doch sind auch einige französische Fassungen in volksprachlichen Übersetzungen der Historia erhalten.

Ziel dieses Seminars, das Mittellateinern und Romanisten gleicherweise offensteht, ist es, sich über einige dieser Kommentare einen Überblick zu verschaffen, wobei die dem Alain de Lille zugeschiebene Fassung der Ausgangspunkt sein wird. Die Idee ist, zu zeigen, wie politische Faktionen dieselben obskuren Weissagungen dank unterschiedlicher exegetischer Methoden immer wieder anders auslegen, um ihren eigenen Zielen Vorschub zu leisten. Die Teilnehmer erhalten des weiteren Gelegenheit, sich anhand der Texte in der mittelalterlichen Paläographie einzuüben.


Einführung in das Studium der lateinischen Sprache und Literatur des Mittelalters

(Grundkurs)
Philipp Roelli
neu: Di 16–18

Abcedarien, Bestiarien, Evangeliarien, Hymnarien, Legendarien ... : das Spektrum der lateinischen Literatur und Sprache des Mittelalters ist breit und vielfältig. Der Grundkurs bietet eine methodische Einführung in den Umgang und die Beschäftigung mit lateinischen Texten des Mittelalters. Dabei sollen die verschiedenen Aspekte der Sprache (Entwicklung, Hilfsmittel), der Überlieferung (Paläographie, Kodikologie, Ekdotik) und der literarischen Gattungen (Heiligenvita, Bibeldichtung, Visionsliteratur, Hymnen, Vagantendichtung etc.) näher betrachtet werden. Hinzu kommen für die literarische Analyse wichtige Hilfsdisziplinen (Rhetorik und Verslehre). Als Bestandteil einer allgemeinen mediävistischen Grundausbildung ist der Grundkurs für alle Studierenden geeignet, die sich mit dem Mittelalter befassen. Historikerinnen und Historikern wird die Teilnahme an diesem Kurs als Besuch eines freien Proseminars an ihre Studienleistungen angerechnet.

‘Hoc est sermo ex me, opus in te’: Selbstzeugnisse in lateinischen Frauentexten des Mittelalters

(Kursorische Lektüre)
Barbara Vannotti
Di 10–12

Die stereotype Aussage, dass die Schriftlichkeit von Frauen im Mittelalter aufgrund mangelnder Bildungsmöglichkeiten beschränkt gewesen sei, ist in den letzten Jahren vor allem durch die Geschlechterforschung relativiert worden. So werden der Öffentlichkeit heute vermehrt Texte von Frauen zugänglich gemacht; autobiographische Aussagen finden sich in ihnen jedoch nur höchst selten. Durch die Auseinandersetzung mit lateinischen Frauentexten verschiedener Gattungen (Reisebericht, Liebesbrief, Chronik, Visionstext, Bittschrift, Konventstagebuch etc.) aus allen Epochen des Mittelalters soll im Sinne einer anregenden Spurensuche nach solchen Selbstzeugnissen “zwischen den Zeilen” geforscht werden.



Sommersemester 2005

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 31. Januar 2005, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar,
KO2-F-156, Karl Schmid-Str. 4.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Literaturgeschichte im Überblick: Das 12. Jahrhundert
(Vorlesung mit Lektüre)

Stotz
Mo 10–12

Das 12. Jahrhundert darf vielleicht als der Höhepunkt in der Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters gelten. Die Zeit ist gekennzeichnet durch eine stärkere Orientierung an antikem Denken und antiker Kunst. Namentlich in Frankreich, vor allem im Loiregebiet, traten überragende Dichterpersönlichkeiten hervor. In der Schule von Chartres kam es zu neuen Modellen der Weltdeutung aus dem Geiste eines christlichen Neuplatonismus. Einer aus Bibel und Patristik geborenen, der Mystik zuneigenden monastischen Theologie steht eine stärker dem Intellekt verpflichtete Denkrichtung gegenüber, die in die Scholastik münden sollte. Von dem grossen Reichtum dieses Jahrhunderts soll in einer knappen Auswahl an Schriftstellerpersönlichkeiten, vertreten mit je einer Textprobe, zumindest ansatzweise ein gewisser Eindruck vermittelt werden. Behandelt werden Hildebert von Lavardin, Walter von Châtillon, Hugo von St. Viktor, Bernardus Silvestris, Alanus ab Insulis, Petrus Abaelardus, Bernhard von Clairvaux, Johannes von Salisbury, Honorius Augustodunensis, Hildegard von Bingen, Wilhelm von Malmesbury und Giraldus Cambrensis.



Texte erklären: Formen, Zwecke und Gehalte mittelalterlicher Kommentare
(Vorlesung mit Übung)

Stotz
Di 12-14

Eines der wichtigsten Medien ist im Mittelalter “der” Kommentar – in Wirklichkeit ein Bündel ganz unterschiedlicher Textsorten. Davon soll ein erster Gesamtüberblick vermittelt werden. Zunächst werden die einzelnen antiken Kommentartraditionen in Augenschein genommen und werden einzelne formale Typen gegeneinander abgegrenzt. Intention und Funktion eines Kommentars äussern sich schon in der handschriftlichen Erscheinungsform. Mannigfach sind auch die Inhalte: neben Kommentaren mit vorwiegend grammatikalisch-lexikologischer Ausrichtung stehen solche, in denen es weitestgehend um die Erhellung des gedanklichen Gehaltes des Grundtextes geht. Fast immer aber beansprucht die Erklärung von Einzelheiten grossen Raum; dabei gibt es eine reiche Skala unterschiedlicher Integrationsgrade des exegetischen Materials. Im Hochmittelalter finden wir Kommentare, denen die Zeitgenossen bereits so etwas wie “Werk”-Charakter zugemessen zu haben scheinen – ja, sogar solche, bei denen der Grundtext zum blossen prétexte, zum Vorwand für die Darstellung von etwas Drittem genommen ist. Stets ist auch nach den hermeneutischen Voraussetzungen zu fragen, und dies um so eher, je stärker sich ein Kommentar als einer spezifisch geprägten Geisteswelt zugehörig erweist. Konkret behandelt werden einerseits die Kommentare zu bestimmten Schriftstellern, so Platon (‘Timaios’), Vergil, Ovid, Martianus Capella sowie zu einzelnen mittelalterlichen Autoren, andererseits die Arbeit von besonders gut fassbaren Texterklärern, so von Servius, Boethius, Remigius von Auxerre, Bernardus Silvestris, Bernhard von Chartres, Wilhelm von Conches und anderen.



Der Codex Sangallensis 621 – eine glossierte Orosius-Handschrift
(Seminar)
Stotz / Heidi Eisenhut

Mi 14-16

Der Codex Sangallensis 621 ist eine um 880 im Scriptorium des Klosters St. Gallen entstandene Abschrift der spätantiken apologetischen Weltchronik des Presbyters Orosius mit eingefügten Kapiteln aus Eusebius’ Historia ecclesiastica in der Übersetzung des Rufinus. Im Seminar soll es einerseits um eine Annäherung an Orosius aus bildungsgeschichtlicher Perspektive und andererseits um die Rezeptionsgeschichte der St. Galler Abschrift der Chronik im 9.–12. Jahrhundert gehen. Das Welt- und Geschichtsbild von Orosius hat die mittelalterliche Weltsicht geprägt. Über 270 erhaltene Handschriften dokumentieren den Bestseller-Charakter der Chronik mit dem vielsagenden Titel Historiae adversum paganos. Welche sprachlichen und inhaltlichen Elemente machen die Historiae so lesenswert? Im Zentrum des zweiten Teils der Veranstaltung steht die Rezeptionsgeschichte des St. Galler Volumen Orosii. Sie kulminiert in den mannigfaltigen Spuren, die Ekkehart IV. (um 980 – um 1060) in der Handschrift hinterlassen hat. Betrachtet wird das materielle Objekt, der Codex, mit diesen Spuren, deren Sprache, Inhalt und Funktion befragt werden.

Hinweis für HistorikerInnen: Es handelt sich bei dieser Lehrveranstaltung um das Hauptseminar des Mittellateinischen Seminars. Für Studentinnen und Studenten der Geschichte (1, 6, 12) kann die Veranstaltung als Kolloquium angerechnet werden.

Lektüreempfehlungen: Orose, Histoires (Contre les Païens), tome I-III, texte établi et traduit par Marie-Pierre Arnaud-Lindet, Paris 1990f.; Goetz, Hans-Werner, Die Geschichtstheologie des Orosius, Darmstadt 1980 (Impulse der Forschung 32); Dümmler, Ernst, Ekkehart IV. von St. Gallen, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 14, N.F. 2 (1869), S. 1-73.

Anmeldung bis 18. März 2005 an Heidi.Eisenhut@access.uzh.ch, Tel. 01 634 38 53.



Texte zum Reisen im Mittelalter
(Kursorische Lektüre)

Darko Senekovic
Do 14-16

Mobilität im Mittelalter ist nicht nur ein soziales, wirtschaftliches, kulturelles oder religiöses Phänomen, sondern auch eine der wichtigen individuellen und kollektiven Erfahrungen des Menschen in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt: Pilgerreisen, Geschäftsreisen, Handelsreisen, Gesandtschaften, Kriegszüge, Missionsreisen und nicht zuletzt auch fiktive Reisen und literarische Utopien prägen in nicht geringem Masse das Weltbild der Zeit.
Dieser Erfahrungsbereich wird nicht allein durch Reiseberichte oder Pilgerführer, sondern auch in Chroniken, Heiligenlegenden, Predigten, Enzyklopädien, Wörterbüchern u. ä. dokumentiert. Die kursorische Lektüre erschliesst einige der inzwischen zum Kanon gehörenden Texte, aber auch weniger bekannte Zeugnisse der mittelalterlichen Reisekultur und sensibilisiert uns als Historiker, Kunsthistoriker oder Sprachwissenschaftler für die Eigentümlichkeiten dieser Quellen. Gleichzeitig soll gemeinsam eine “toolbox” zur Kritik und Interpretation der Texte entwickelt werden. Dabei steht der sprachliche Umgang mit Erfahrung des Fremden und Ungewohnten oder die sprachliche Umsetzung der visuellen und anderen sinnlichen Phänomene im Mittelpunkt der Betrachtung.
Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird die Fähigkeit erwartet, den allgemeinen Sinn einer in lateinischer Sprache verfassten Quelle zu erfassen sowie die Bereitschaft, sich mit dem Originaltext auseinanderzusetzen. Das “Latinum” ist von Vorteil, aber nicht Voraussetzung.



Kolloquium ‘Antike und Christentum’: Abaelard, ‘Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen’
(Interdisziplinäres Kolloquium)
Silke-Petra Bergjan, Manuel Baumbach, Beat Näf, Peter Schulthess, Peter Stotz, N. N.

Fr 14-16, alle 14 Tage

Dieses Spätwerk Abaelards ist ein Stück interreligiösen Dialoges: ein Vertreter der paganen Philosophie, ein Anhänger der israelitischen Religion und ein Christ disputieren über die Frage, welches für den Menschen das summum bonum sei: Ein Gespräch in kultivierten Formen und ein Text von hohem literarischem Niveau, beeinflusst von den grossen philosophischen Dialogen der Antike. Gemäss Abaelards dialektischer Art, Theologie zu treiben, wird das Problem durch geduldiges Vergleichen der drei unterschiedlichen Standpunkte erörtert. Das Werk hebt sich damit ab von gewissen missionarisch ausgerichteten Schriften, die der Widerlegung und Bekehrung der Juden oder sonstiger Andersgläubiger dienten. Die drei fiktiven Gesprächspartner wünschen ihre Streitfrage Abaelard zur Entscheidung vorzulegen. Eine solche determinatio seitens eines sich neutral gebenden Schiedsrichters ist allerdings nicht überliefert, ist vermutlich gar nie ausgearbeitet worden. Die Frage bleibt somit letztlich offen; immerhin ist ersichtlich, dass ein differenziert-christlicher Standpunkt als der gültige dastehen soll. Abaelards Werk steht am Übergang zwischen Frühscholastik und Hochscholastik und gehört einer Zeit an, in welcher die arabische Philosophie und Wissenschaft das abendländische Denken weit stärker als bis dahin mit vor- und ausserchristlichen Traditionen zu konfrontieren begonnen hatte. Man findet darin Ansätze der arabischen, auf Rationalismus und naturrechtlichen Positionen beruhenden Philosophie, welche ihrerseits in manchem dem Denken der paganen griechisch-römischen Antike verpflichtet ist.

Empfohlene Textausgabe: Peter Abailard, Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen, lateinisch und deutsch, herausgegeben und übertragen von Hans-Wolfgang Krautz. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1995.

Wintersemester 2004/2005

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 28. Juni 2004, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar,
KO2 F 156, Karl Schmid-Str. 4.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Literaturgeschichte im Überblick: Das beginnende Hochmittelalter
(Vorlesung mit Lektüre)

Stotz
Mo 10–12

Innerhalb eines fünfsemestrigen Zyklus soll zu den Hauptgestalten und -erscheinungen der lateinischen Literatur des Mittelalters ein erster Zugang vermittelt werden in Form einzelner Vorlesungs- und zugehöriger Lektüreeinheiten. Dies ist die dritte Folge; vorangegangen ist die Behandlung der Übergangszeit (Spätantike / Frühmittelalter) und der Karolingerzeit. Jetzt geht es darum, die Entwicklung von der spätkarolingischen Zeit über das – oftmals saeculum ferreum genannte – 10. Jahrhundert bis hin an die Schwelle des 12. Jahrhunderts zu verfolgen, welches in mancher Beziehung einen Höhepunkt innerhalb des Mittelalters darstellt. Behandelt werden Odo von Cluny, Flodoard von Reims, Gerbert von Aurillac, Fulbert von Chartres, Radulfus Glaber, Rather von Verona, Liutprand von Cremona, Petrus Damiani, Widukind von Corvey, Hrotsvit von Gandersheim und Wulfstan von Winchester. Das Programm wird von epischer Dichtung gerahmt: Am Anfang steht das (vielleicht noch karolingische) Heldenepos ‘Waltharius’, am Schluß der Ritterroman ‘Ruodlieb’.



Paläographie im Überblick II
(Übung)

Stotz
Di 12-14

Nachdem im ersten Teil in Form einer Vorlesung und Lektüre ein Überblick über die Haupterscheinungen der lateinischen Paläographie erarbeitet worden ist, soll das Erlernte in verschiedener Weise angewandt, erweitert und ergänzt werden. Dem dient die Arbeit mit Faksimiles, dem Kontakt mit Originalen in Handschriftensammlungen, der Demonstration praktischer editorischer Fallbeispiele und anderes mehr. Bis zu einem gewissen Grade ist das Programm bewußt offengelassen, so dass auf die Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmenden reagiert werden kann.



Alkuin
(Seminar)

Stotz
Mi 14-16

Im Jahre 2004 jährt sich zum 1200. Mal das Todesjahr Alkuins, des großen angelsächsischen Gelehrten, Schriftstellers und Dichters, welcher die kirchliche und kulturelle Reform unter Karl dem Großen wesentlich mit bestimmt hat. In diesem Seminar geht es um Alkuins Biographie, sein Wirken bei Hofe und die Beziehungen zu andern Exponenten der karolingischen Bildungsreform, sodann um seine didaktischen, hagiographischen und exegetischen Schriften wie auch um seine größeren und kleineren Dichtungen, aber auch um seine Revision des Vulgatatextes und um die Produktion des Skriptoriums von Tours an Vollbibeln. Erwartet wird die aktive Mitarbeit aller Teilnehmenden, sei es in Form einer Seminararbeit, der Leitung einer Sitzung – Themenvorschläge liegen bereit – oder auch einfach in Form der Mitwirkung an den Diskussionen und Textlektüren. Ein Besuch der Alkuin-Ausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen ist eingeplant. Hingewiesen sei zudem auf die Alkuin-Tagung in St. Gallen (30. September bis 2. Oktober 2004).



Novitas rerum nova gaudia gignit: Lateinische Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit als Lektüre am Gymnasium
(Seminar)

Thomas Fleischhauer / Stotz
Do 14-18, alle 14 Tage; Beginn: 21.10.04

Dies ist eine Seminarveranstaltung, die ebenso für immatrikulierte Studierende wie für in der gymnasialen Praxis stehende Lehrpersonen angeboten wird. Nach einer allgemeinen Einleitung über den sprachlichen und literaturhistorischen Hintergrund sowie über didaktische Grundanliegen der Lektüre wird der Lesestoff nach Sachthemen gegliedert und bearbeitet: Krieg und Frieden, regionale Geschichte, Träume und Traumdeutung, Wundergeschichten, Geschlechterrollen, Geld und Volkswirtschaft, Christentum und Islam. Die behandelten Texte sollen von den TeilnehmerInnen bereits während des Seminars so weit wie nur möglich für die Verwendung in der Schule vorbereitet werden können. Angestrebt wird bei jedem behandelten Textstück eine bereinigte lateinische Fassung, ein Kommentar mit Wortangaben und eine Skizze für die Behandlung des Textes im aktuellen gymnasialen Unterricht. Ein Gang in die Zentralbibliothek soll die im Lauf des Kurses angefertigten Präparationen zusätzlich illustrieren.



Berufe, Stände, Lebensformen: ausgewählte Kapitel aus der 'Yconomica' Konrads von Megenberg
(Kursorische Lektüre)

Ruth Affolter-Nydegger
Di 10–12

Die ‘Yconomica’ Konrads von Megenberg (1309-1374) besteht aus drei Büchern: In Buch 1 befasst sich der Autor mit der domus vulgaris, dem nicht-fürstlichen Haus; Buch 2 hat die Erziehung der Fürstensöhne zum Thema und steht somit in der Tradition der Fürstenspiegel; in Buch 3 dient das Haus-Schema dazu, das Schulwesen und die kirchliche Hierarchie bis hin zur päpstlichen Kurie zu beschreiben. Das Haus wird also einerseits konkret aufgefasst, andererseits jedoch als universale Metapher verwendet. Die Herausgeberin der 'Yconomica', Sabine Krüger, schreibt: "Konrad hat das Haus als philosophischen Begriff, das Haus schlechthin, wie es Aristoteles aufgefasst hatte, missverstanden als historisch gewordene domus hominum popularium [...] Auf diesem Gebiet, dessen Darstellung am wenigsten durch die Tradition vorgeformt ist, ist Konrad am originellsten und interessantesten" – so dass man durchaus von einem fruchtbaren Missverständnis sprechen kann. In der Tat eröffnen sich zahlreiche sozial-, institutionen- und bildungsgeschichtliche Felder, so dass die Lektüre namentlich auch für HistorikerInnen höchst anregend sein wird. An der Vorbesprechung wird eine Kapitelübersicht ausgeteilt. Die Auswahl der Lektüretexte richtet sich nach dem Interesse der Teilnehmenden. – Die regelmäßige und aktive Teilnahme an dieser Lehrveranstaltungen kann HistorikerInnen als Kolloquiumsleistung angerechnet werden.

Sommersemester 2004

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 23. Februar 2004, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar,
KO2 F 156, Karl Schmid-Str. 4.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Literaturgeschichte im Überblick: Die Karolingerzeit
(Vorlesung mit Lektüre)

Stotz
Mo 10–12

Innerhalb eines fünfsemestrigen Zyklus soll zu den Hauptgestalten und -erscheinungen der lateinischen Literatur des Mittelalters ein erster Zugang vermittelt werden, dies durch Vorlesungs- und Lektüreeinheiten im Wechsel. Nachdem im vergangenen Wintersemester die Übergangszeit und das Frühmittelalter behandelt worden ist, ist dieses Sommersemester ganz den Schriftstellern der Karolingerzeit gewidmet. Dazu gehören Paulus Diaconus und Alkuin, Theodulf und Einhart, Hrabanus Maurus und Walahfrid Strabo, Johannes Scotus, Lupus von Ferrières, Remigius von Auxerre und andere. Die Zeit ist geprägt durch vielseitig tätige Persönlichkeiten, die an dem kirchlichen und kulturellen Aufbauwerk der karolingischen Herrscher teilnahmen. Durch ihre gelehrten Studien und durch eigene schriftstellerische – besonders auch dichterische – Tätigkeit knüpften sie aufs Neue bei der paganen und christlichen Antike an. Damit haben sie dieser, über alle kulturellen Einbrüche hinweg, ein von da an kontinuierliches Fortleben verschafft.



Einführung in das Studium der lateinischen Sprache und Literatur des Mittelalters
(Grundkurs)

Vitali
Do 14-16

Handschriften und Heilige, Bibel und Bibliotheken: die Aufgaben- und Themenbereiche des Fachs ‘Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters’ sind vielfältig. Der Grundkurs bietet eine methodische Einführung in die Beschäftigung mit Texten (Sprache, Schrift, Überlieferung, Edition) und wichtigen literarischen Formen (Hagiographie, Liturgie, Bibel, Prosa und Dichtung). Als Bestandteil einer allgemeineren mediävistischen Grundausbildung ist er für alle Studierenden geeignet, die sich mit dem Mittelalter befassen. Historikerinnen und Historikern wird die Teilnahme am Kurs als Besuch eines freien Proseminars an ihre Studienleistungen angerechnet.



Edition von Gedichten der Karolingerzeit
(Seminar)

Stotz
Mi 14-16

Unter dem Titel ‘Anthologia Latina’ sind (1894/1906) aus mittelalterlichen Handschriften in großer Zahl Kleindichtungen ediert worden, die überwiegend der Spätantike angehören dürften. Eine ganze Reihe unter ihnen könnte jedoch aus der Karolingerzeit stammen. Im Zusammenhang mit einem bei den ‘Monumenta Germaniae Historica’ laufenden Editionsprojekt (Poetae Latini aevi Karolini) sollen nun die dafür in Frage kommenden Texte einer erneuten Musterung unterzogen werden. Nach Lage der Dinge geht es dabei nicht um Transkription aus Handschriften, sondern um die allseitige kritische Würdigung der Texte: ihre sprachlich-rhetorische Form und poetische Technik stehen im Vordergrund. Fernziel ist, Kriterien zu gewinnen für eine Datierung der Texte.



Vaticinia de summis pontificibus: die illustrierten mittelalterlichen Papstprophezeiungen
(Kolloquium)

Frank Schleich
Do 10-12

Ende des 13. Jahrhunderts entstand in Italien eine anonyme Streitschrift zur Beeinflussung einer laufenden Papstwahl. Sie gab sich als Serie von Prophezeiungen auf kommende Päpste aus und erreichte dank ihrer ansprechenden Ausgestaltung und des enigmatischen Inhalts in den folgenden zwei Jahrhunderten eine ungeahnte Popularität. Bis heute haben sich in europäischen Bibliotheken über einhundert Abschriften erhalten, ein Großteil davon mit ebenso rätselhaften wie faszinierenden Buchmalereien ausgestattet. – In diesem Kolloquium soll die Entwicklungslinie der Vatizinien von den griechisch-byzantinischen Vorgängern über die spätmittelalterlichen Hauptformen bis hin zur “Wiederverwendung” durch Paracelsus und die Reformatoren in Nürnberg verfolgt werden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem wechselseitigen Einfluß von Text und Illustration.



Paläographie im Überblick I
(Vorlesung mit Lektüre)

Stotz
Di 12–14

Dieser Lehrveranstaltung kursorischen Charakters ist zum Ziel gesetzt, Einblick in die Geschichte der lateinischen Schrift von der ausgehenden Antike bis in die Zeit der Renaissance zu verschaffen. Die Abfolge der verschiedenen Schriftformen soll als geschichtliche Entwicklung erfahrbar werden. Daneben wird die Lesefertigkeit eingeübt, vor allem im Sinne eines dialektischen Ineinanders von optischer und sprachlich-inhaltlicher Erfassung eines Textes. Zudem eignen wir uns einen Grundstock wichtiger Abkürzungen an. Neben Schriftgeschichte und Lesetraining wird auch Grundwissen zur materiellen Geschichte des Buches sowie zur Überlieferungsgeschichte vermittelt.
Die Lehrveranstaltung ist zweisemesterig aufgebaut. Im ersten Teil gewinnen wir anhand sich zwanglos ablösender Vorlesungs- und Lektüre-Einheiten einen panoramaartigen Überblick. Im anschließenden zweiten Teil (WS 04/05), der Seminarcharakter hat, werden dann einzelne Aspekte vertieft: Im Kontakt mit Originalen und anhand konkreter Aufgabenstellungen soll paläographische Praxis eingeübt werden. Es ist möglich, den ersten Teil für sich zu absolvieren.



Navigatio Brendani
(Kursorische Lektüre)

Vitali
Di 11-12

Drachen, Sirenen, Meeresungeheuer, Dämonen, Büsser aus dem Fegefeuer und Selige aus dem Paradies: all diesen Gestalten begegnen der heilige Brendan und seine Gefährten während ihrer siebenjährigen Irrfahrt auf dem Meer. Die älteste Fassung dieser irischen Legende stammt aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. Durch zahlreiche Abschriften und Übersetzungen wurde der Stoff europaweit verbreitet.



Antike und Christentum: Frühes Christentum, Sophisten, Gurus und Lügenpriester im Osten des Imperium Romanum (Auszüge aus Lukian)
multi

Fr 14-16 alle 14 Tage

Im Siegeszug des Christentums hat Kleinasien eine herausragende Rolle gespielt. Als dieses Land unter der pax Romana in einer wirtschaftlichen Blüte stand, die bis in Kleinstädte und Dörfer vordrang, konkurrierten mit den zur selben Zeit sich verbreitenden christlichen Lehren (Marcionismus, Novatianismus, Montanismus) pulsierende religiöse Strömungen, die, unter orientalischen oder hellenischen Kult- und Götternamen daherkommend, dem allgemein tiefen Bedürfnis nach Glauben und Frömmigkeit entgegenkamen. Zugleich mit der Blüte der Zweiten Sophistik erreichen Schriftlichkeit, Rhetorik und Philosophie (Epikureismus, Stoizismus, Aristotelismus und verschiedene Spielarten des Neoplatonismus) nahezu jede Provinzstadt. Professorenlehrstühle und agonistische Schaukämpfe an den Provinziallandtagen oder städtischen Kultfeiern nähren die Streitkultur unter Intellektuellen und Scharlatanen, Lehrmeister, 'Heilige' und Gurus treten vors Volk und gewinnen Einfluß bis hinauf zu den Regenten des Reiches. Zwei davon, die eher zur Kategorie der Gurus gehören, sollen durch die Lektüre ausgewählter Passagen Lukians näher erfasst und im Kontext ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen, auch im Blick auf das gleichzeitige Christentum, betrachtet werden: Peregrinos Proteus und Alexandros von Abonuteichos.

Nach einer allgemeinen Einführung durch Prof. Marek wird die Arbeit am Text im Mittelpunkt stehen. Kopien der Texte werden ausgeteilt werden.

Wintersemester 2003/2004

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 30. Juni 2003, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar,
KO2 F 156, Karl Schmid-Str. 4.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Literaturgeschichte im Überblick: Übergangszeit und Frühmittelalter
(Vorlesung mit Lektüre)

Stotz
Mo 10–12

Literaturgeschichte nach Epochen steht heute in keinem guten Ruf: aspektbezogenes Herausgreifen von Einzelnem gilt für zeitgemäßer. Dennoch muß immer wieder der große Überblick gesucht werden, auch wenn dieser niemals so souverän und umfassend sein kann, wie es zu wünschen wäre. Daher wird ein summarischer Durchgang durch die Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters im Zeitraum von fünf Semestern angeboten. Dies in einer Veranstaltungsform, in welcher Vorlesungsblocks und Lektürestücke kleinräumig miteinander abwechseln: auf eine allgemeine Einführung folgt jeweils die Vertiefung in ein exemplarisches Stück aus einem der besprochenen Werke. Dieser Zyklus beginnt dieses Semester neu mit der Zeit, die den Grenzsaum zwischen ausgehender Antike und Mittelalter bildet. Behandelt werden Cassiodor, Benedikt, Gregor der Große, Venantius Fortunatus, Gregor von Tours, Isidor, Eugenius von Toledo, Gildas, Aldhelm, Beda und einige andere. In ihren Werken äußert sich der politische, zivilisatorische und geistige Umbruch jener bewegten Jahrhunderte in mannigfacher Weise.



Gesprächsszenen in Mittelalter und früher Neuzeit (Latein und Deutsch)
(Seminar)

Glaser / Stotz
Mi 17:00-18:30

Zu verschiedenen Zeiten hat man zur Schulung der mündlichen Ausdrucksfähigkeit der Lateinschüler Gesprächsszenen ausgearbeitet: Dialoge unter Kindern, aus deren Alltagssphäre stammend. Anhand lebendiger Gespräche in zumeist kurzen Sätzen sollten die jungen Leute die Fertigkeit einüben, ihre eigene Lebenswelt in der Schriftsprache Latein einzufangen. Für uns sind das überaus wertvolle und anregende Zeitzeugnisse. Solche Gesprächsszenen gibt es im spätangelsächsischen England, dann im 15./16. Jahrhundert beispielsweise in Deutschland und Spanien. Zu den Verfassern gehören Ælfric von Eynsham, manche nur wenig bekannte Pädagogen, sodann aber auch Erasmus und Juan Luis Vives. In diesem Seminar soll zunächst ein Längsschnitt durch Entwicklung und Ausformung der Gattung gewonnen werden. Ganz besonders geht es dann jedoch um das Gesprächsbüchlein eines zürcherischen Gelehrten des 16. Jahrhunderts: die ‘Sylvula formularum quotidiani sermonis’ von Konrad Klauser aus dem Jahre 1562, worin den lateinischen Dialogen je eine frühneuhochdeutsche Fassung gegenübersteht. Untersucht werden soll die hier verwendete Deutschschweizer Schreibsprache, der Textaufbau, das Verhältnis zum Lateinischen, der Wortbestand und vielleicht auch Motivation, Funktion und Entstehungszusammenhänge dieses Textes. Es können Seminararbeiten übernommen werden, man kann die Veranstaltung aber auch als Lektüre belegen.



Lateinische Sprachwissenschaft panchronisch: pluriperspektivische Zugänge
(Kolloquium)

Dunkel / Loporcaro / Stotz
Mo 14-16

Diese interdisziplinär orientierte Vorlesung erlaubt den Teilnehmenden, sich der sprachlichen Struktur des Lateinischen aus — in metho ogischer und zeitlicher Hinsicht — unterschiedlichen Blickwinkeln zu nähern. Zum Verständnis der Struktur des Lateinischen und deren Entwicklung ist es einesteils nötig, die altlateinischen, klassischen und späten Texte, die auf uns gekommen sind, zu studieren. Andernteils geht es bei dem Studium einer Sprache immer auch darum, Sprachzüge einzubeziehen, die in ihr nicht unmittelbar bezeugt sind, dies durch den Vergleich mit Schwestersprachen — hier: den indoeuropäischen Sprachen — und Tochtersprachen — hier: den romanischen Sprachen und Dialekten. Unter der Leitung eines Indogermanisten, ein Romanisten und eines Mittellateiners werden wir unterschiedliche Aspekte der sprachlichen Baus des Lateinischen diskutieren und werden versuchen, einen interdisziplinären Ansatz fruchtbar werden zu lassen.



Inschriften auf Kunstgegenständen des frühen und hohen Mittelalters
(Übung)

Stotz
Di 12-14 alle 14 Tage

Bildende Kunst ist im frühen und hohen Mittelalter vielfach von Worten begleitet. Vor allem in der Buchmalerei oder auf Goldschmiedearbeiten wird der — meist mit der Bibel oder der Liturgie in Verbindung stehende — Bildgegenstand im Regelfalle durch einen oder mehrere Verse charakterisiert und erläutert. Metrische Bildbeischriften (Bildtituli) gehören gattungsmäßig zur Epigrammatik — im weiten Sinne dieses Begriffes — und gehorchen ein Stück weit eigenen poetischen Traditionen. In diesem Kolloquium soll es darum gehen, anhand eines Corpus von Kurzgedichten, die auf Werken der Schatzkunst (bis etwa 1300) angebracht sind, den Strukturmerkmalen derartiger Kleindichtung nachzuspüren. Zudem soll den philologischen Probleme, die sich bei deren Bearbeitung (Edition, Übersetzung, Ergänzung) stellen, nachgegangen werden. Zu den leitenden Gesichtspunkten gehören die unterschiedlichen Formulierungstypen, Fragen des Versbaus und Versschmucks, Intertextualitätsbezüge formaler und inhaltlicher Art sowie pragmatische Fragestellungen, etwa zwischen den Polen Redundanz und Sinnzuwachs.



Texte zu Botanik und Pharmazie des lateinischen Frühmittelalters
(Übung)
Dr. Monica Niederer
Mo 12-14 alle 14 Tage
Beginn 20. Oktober (einzelne Termine und Zeit je nach Bedürfnis verschiebbar)

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen Botanik und Pharmazie des lateinischen Frühmittelalters, das heißt die Identifizierung und Verwendung von pflanzlichen Drogen, deren Anbau, die Rezeptherstellung, der medizinisch-theoretische Hintergrund sowie auch magisch-abergläubische Anwendungen von Pflanzen. Die Botanik ist dabei keine eigenständige Disziplin, sondern es kommt ihr die Aufgabe einer Hilfswissenschaft zu.
Um diese pharmazeutische Botanik historisch verstehen zu können, sollen einerseits ihre antiken Grundlagen vorgestellt werden, andererseits wird uns vor allem die Lektüre und Diskussion von ausgewählten Textstücken der frühmittelalterlichen Literatur beschäftigen. Diese umfaßt nicht nur Herbarien (Botanicus Sangallensis), Rezeptarien, Antidotarien und Arzneibücher, sondern auch Hilfsliteratur wie Glossare, Listen für die Arzneimittelsubstitution und Gewichtstabellen. Ihr literarischer Höhepunkt ist zweifellos der sogenannte Hortulus von Walahfrid Strabo. Auch ein Ausblick auf die hoch- und spätmittelalterlichen Entwicklungen soll nicht fehlen (arabischer Einfluß der salernitanischen Medizin, deutsche Kräuterbücher und Drucke).



Doktorandenkolloquium
Stotz

einstündig n. Vereinb.

Zur Zeit läuft im Fach Lateinische Sprache und Literatur des Mittelalters eine ganze Anzahl von Doktoratsprojekten. Jedes von ihnen hat eine ganz bestimmte Ausrichtung und führt in Gebiete, von denen Außenstehende zumeist recht wenig wissen. Jedes Projekt verlangt aber auch eine ganz bestimmte Methode. Erstmals wird nun ein Doktorandenkolloquium veranstaltet mit dem Ziel, einen Erfahrungsaustausch zunächst unter den Doktoranden selber in Gang zu bringen, jedoch auch zum Besten der Studierenden, die (noch) nicht an einem wissenschaftlichen Projekt arbeiten. Gedacht ist an einen Rhythmus nach dem Modul “zweistündig alle vierzehn Tage”, jedoch muß ein detaillierter Terminplan erstellt werden, zumal nicht alle Doktorierenden in Zürich selber arbeiten. Es wird vorausgesetzt, daß alle Doktorierenden irgend einmal während des Semesters ihre Arbeit präsentieren. Alle anderen Interessierten sind gebeten, sich mit dem Seminarleiter oder dem Assistenten in Verbindung zu setzen.



Visionsliteratur im Mittelalter
(Blockseminar)

Ferrari
Fr 31.10.03 / 14.11.03 / 16.01.04 je 10-12 / 14-18

Einen Blick ins Jenseits gewährten die lateinischen Visionen, unter denen Dante Alighieris ‘Commedia’ (1306-1321) die berühmteste, aber beileibe nicht die einzige war. Die bunten, meist schaurigen Berichte von Menschen, denen die Gnade einer Reise in die Hölle und (seltener) ins Paradies gewährt wurde, entstanden in Europa seit dem Frühmittelalter und dienten der Belehrung eines Publikums, das nach Erfahrung des Unerfahrbaren lechzte.

Peter DINZELBACHER, Vision und Visionsliteratur im Mittelalter, (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 23), Stuttgart 1981 – Mittelalterliche Visionsliteratur. Eine Anthologie. Ausgewählt, übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Peter DINZELBACHER, Darmstadt 1989 (Kopien aus diesem Band werden als Textgrundlage zur Verfügung gestellt) – Peter DINZELBACHER, Himmel, Hölle, Heilige. Visionen und Kunst im Mittelalter, Darmstadt 2002.

Sommersemester 2003

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 3. Februar 2003, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar, KG II,
Karl Schmid-Str. 4, 1. Stock, Raum 156.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Einführung in das Studium der lateinischen Sprache und Literatur des Mittelalters
(Grundkurs)

Vitali
Mo 10–12

Handschriften und Heiligenkalender, Botanik und Buchdruck – die Aufgaben- und Themenbereiche des Fachs ‘Lateinische Literatur und Sprache des Mittelalters’ sind vielfältig. Der Grundkurs bietet eine methodische Einführung in die Beschäftigung mit Texten (Sprache, Schrift, Überlieferung, Edition) und wichtigen literarischen Formen (Hagiographie, Liturgie, Bibel, Prosa und Dichtung). Als Bestandteil einer allgemeineren mediävistischen Grundausbildung ist er für alle Studierenden geeignet, die sich mit dem Mittelalter befassen. Historikerinnen und Historikern wird die Teilnahme an diesem Kurs als Besuch eines freien Proseminars an ihre Studienleistungen angerechnet.



Geistliche Spiele
(Vorlesung mit Übung)
Stotz
Di 12-14

Die geistlichen Spiele bilden eine Literaturgattung, die in der zweiten Hälfte des Mittelalters im Lateinischen wie in den verschiedenen volkssprachlichen Literaturen ganz Europas (außer Skandinaviens) üppig blühte. Weder in der paganen noch in der christlichen Antike besitzt sie Vorläufer. Als die geistlichen Spiele sich im Hochmittelalter entwickelten, hatte man von der Theaterpraxis der Antike schon längst keine lebendige Kenntnis mehr, und man sollte sie erst geraume Zeit später wiedergewinnen. Es kam zu einem Neuansatz an ganz anderer Stelle, nämlich bei den dialogisch-dramatischen Strukturen gewisser biblischer Erzählungen, welche nun mimetisch umgesetzt wurden. Diese Nachgestaltung eines Themas der Heilsgeschichte im Wort vermochte auf das Gestische überzugreifen, und auf diesem Wege wurde die schauspielerische imitatio, wie sie im antiken Drama bestanden hatte, wieder erweckt — oder vielmehr: sie wurde aus der Literaturferne, aus dem Bereich der Gaukler und Possenreißer, wieder in die Sphäre der Bildungssprache Latein und ihres bevorzugten Mediums, der Schrift, geholt. In Vorlesungsform sollen die wichtigsten Etappen dieser Entwicklung und die wichtigsten Ausprägungen dargestellt werden. Großes Gewicht wird auf die Begegnung mit den Texten selber durch Lektüre gelegt. Im Vordergrund stehen dabei das Große Benediktbeurer Passionsspiel, der ‘Ludus Danielis’ von Beauvais und der staufische ‘Ludus de Antichristo’.



Hochmittelalterliche Poetiken
(Seminar)
Stotz
Mi 14-16

In allen Jahrhunderten des Mittelalters wurde in lateinischer Sprache gedichtet. Was uns davon überliefert ist, ist ein Vielfaches dessen, was sich von der römischen Dichtung erhalten hat. Teils schloß man sich bereitwillig den Gattungstraditionen der Antike an, man übernahm deren Stoffe und führte die hergebrachte dichterische Technik weiter. Daneben widmete man sich aber auch neuen Themen, man suchte und fand neue dichterische Ausdrucksformen, die zunächst ein randständiges Dasein fristeten, aber immer stärker vervollkommnet wurden und an Anerkennung gewannen. All dies wurde von Reflexion über das dichterische Handwerk begleitet, sei es durch gelegentliche Äußerungen der Dichter über das eigene Tun, sei es durch didaktische Schriften. Da gibt es manche schematisch-steifbeinigen Zusammenstellungen: Kondensate dessen, was sich an Sachwissen aus der Antike herübergerettet hatte. Aber im Gefolge des großartigen Aufschwungs der Dichtung — wie auch der Philosophie – im hochmittelalterlichen Frankreich wurden umfassende, gut durchdachte und der dichterischen Produktion nahestehende Poetiken geschrieben, so durch Matthäus von Vendôme (12. Jh.), Geoffroi de Vinsauf (um 1100-1154) und Johannes de Garlandia (um 1195-um 1272). Ihre Interpretation steht im Mittelpunkt dieses Seminars.



Vom Räuberbaron aus der Normandie zum staufischen Adler: Der Aufstieg des Königreiches Sizilien: von Robert Guiscard bis Manfred von Hohenstaufen in der zeitgenössischen Chronistik
(Übung)
Dr. Walter Koller / Stotz
Mi 14-16

Das Königreich Sizilien, das zur Insel hinzu ganz Süditalien umfaßte, war eine hochmittelalterliche Neugründung normannischer Eroberer unter der Führung des Söldnerchefs Robert Guiscard und seiner Nachfahren. Unter den Herrschern Roger I. und Kaiser Friedrich II. wurde es zu einem der reichsten und mächtigsten Staaten Europas, dessen eigenartige Kultur ihr Gepräge durch die Lage im Schnittpunkt der großen mediterranen Kulturräume, des lateinischen, griechischen und arabischen, erhielt. Kein Wunder, daß das Geschick des Königreiches eine bedeutende Historiographie hervorbrachte, deren intellektuelle Energie ihr oft geradezu moderne Züge verleiht. Es ist das Ziel dieser Übung, durch die Lektüre von Autoren wie Gaufredus Malaterra, Romuald von Salerno, Petrus von Eboli, Richard von San Germano bis zu Bartholomeus von Neocastro und Saba Malaspina, dessen Chronik W. K. zusammen mit August Nitschke unter Mitwirkung des Mittellateinischen Seminars für die MGH ediert hat, einen Einblick in die literarische Kultur des Königreiches Sizilien zu gewinnen. Die Lektüre der Chronik des sogenannten Nicolaus de Jamsilla eröffnet überdies die Gelegenheit, ein weiteres Editionsprojekt von W. K. für die MGH kennenzulernen und aktiv daran mitzuwirken. — Historikerinnen und Historikern wird die Teilnahme an dieser Übung als Kolloquium angerechnet.



Kolloquium Antike & Christentum: Plutarch, Pythische Dialoge
Stotz et alii
Freitag 14-16, alle 14 Tage

Die jeweils im Sommersemester — zweistündig alle 14 Tage — stattfindende Lektüre-Veranstaltung ‘Antike und Christentum’ ist interdisziplinär ausgerichtet und vereinigt Theologen, Klassische Philologien, Historiker, Mittellateiner und Angehörige weiterer Fachrichtungen zu gemeinsamer Lektüre und Diskussion. Ziel ist, anhand ausgewählter Partien jeweils eines Schlüsseltextes mehr zu erfahren über die Bezüge zwischen christlichem Denken und antiker, vor allem spätantiker Religiosität und Philosophie. Auch geht es darum, voneinander zu lernen, was die verschiedenen philologischen, hermeneutischen und historischen Zugänge zu diesen Texten und der sich in ihnen äußernden Gedankenwelt betrifft. Nachdem im Sommer 2002 mit Laktanz ein lateinischsprachiger Vertreter des Christentums zu Worte gekommen ist, werden diesmal Texte eines griechisch schreibenden Vertreters der aufgeklärten paganen Welt studiert: Dialoge Plutarchs (ca. 46-ca. 120 n. Chr.), worin verschiedene Ansichten über Berechtigung und Nutzen der hergebrachten Orakel und von deren Sprüchen zu Worte kommen. Seien es, wie in der paganen Welt, Orakel, seien es, wie im traditionellen Christentum, Träume und Visionen, in denen man Offenbarungen der Gottheit zu erkennen glaubte, oder seien es die okkulten Praktiken unserer Gegenwart: die Vorstellung, man könne auf ganz bestimmten Wegen in Erfahrung bringen, was den Menschen sonst verborgen ist – und das Bestreben, dies zu versuchen – scheint eine Konstante in der Geschichte der Menschheit zu sein. Ähnliches gilt aber auch für den kritischen Diskurs, der sie begleitet.

Wintersemester 2002/2003

ALLGEMEINE VORBESPRECHUNG:
Montag, 1. Juli 2002, 12 Uhr, im Mittellateinischen Seminar,
KO2 F 156, Karl Schmid-Str. 4.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.


Alexander der Große in Sage und Dichtung des lateinischen Mittelalters
(Vorlesung mit Lektüre)

Stotz
Mo 10–12

Alexander der Große hat die Menschen des Mittelalters fasziniert wie nur wenige Gestalten der Antike. Der ehrgeizige und erfolgreiche Eroberer, der bis an die Enden der Erde gezogen war, ja auch die Höhen der Lüfte und die Tiefen des Meeres ausgelotet haben soll, stand für das Äußerste, was dem Menschen möglich ist. Die teils der Geschichte folgenden, teils sagenartigen, ja phantatischen Überlieferungen hat man in lateinischen wie auch in volkssprachlichen Texten in immer wieder neuen Ausgestaltungen dargestellt und fortgesponnen. In dieser Lehrveranstaltung wird ein Panorama der lateinischen Alexandertexte aus Spätantike und Mittelalter geboten, mit kurzen Ausblicken in die volkssprachlichen Literaturen und die Ikonographie. Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Fassungen des Alexanderromans und angeblich auf Alexander zurückgehende Texte (Brief an Aristoteles über die Wunder Indiens, Briefwechsel mit dem Brahmanen Dindimus), sodann sein Bild in der Historia sacra und der Weltchronistik, schließlich die ‘Alexandreis’ Walters von Châtillon (12. Jh.).



Einführung in die Geschichte der Liturgie anhand der Lektüre ausgewählter Texte
(Kolloquium)

Stotz
Mi 14-16

Liturgisches Geschehen umfaßt zwar weit mehr als Sprache, aber für unsere Kenntnis der Liturgie vergangener Zeiten sind Texte doch der entscheidende Schlüssel. Anhand eines “close reading” von Proben unterschiedlicher Texttypen versuchen wir, die Grundzüge der Gottesdienstformen des lateinischen Westens in Spätantike und Mittelalter zu erfassen. Dabei geht es nicht um die Vermittlung von Expertenwissen, sondern um eine Einführung für Theologen, Mediävisten und Literaturwissenschaftler, um ein gemeinsames Sich-Einarbeiten in formale und gedankliche Strukturen.Nach einem gerafften Überblick in Vorlesungsform am Semesteranfang und einer Einweisung in die wichtigste Literatur werden wir in jeder Sitzung miteinander Texte eines bestimmten Typus studieren. Wir beginnen bei den grundlegenden Formen der Gebets- und Gesangstexte: Orationen, Benediktionen, Präfationen, Litaneien, sodann Antiphonen, Responsorien, Cantica. (Dagegen bleiben die Hymnen einer späteren separaten Lehrveranstaltung vorbehalten.) Hierauf stoßen wir zu den größeren Textensembles vor; im Mittelpunkt stehen die Messe nach römischem Ritus, das Stundengebet und voraussichtlich der Ritus der Kirchweihe. Neben der römischen sollen, zumindest ansatzweise, auch die mailändische, gallikanische und mozarabische Liturgie vertreten sein.



Der unedierte Traktat des Dominikaners Albert von Weissenstein über das Salve regina (gedruckt: Zürich 1479)
(Seminar)

Dr. Martina Wehrli / Stotz
Di 14-16

Zu den allerersten Schriften, die, Jahrzehnte vor Froschauer, in Zürich gedruckt worden sind, gehört der Traktat des Dominikaners Albert von Weissenstein über die marianische Antiphon Salve regina. Dieser Text, der seiner kritischen Erstedition, begleitet von einer Übersetzung, zugeführt werden soll, steht im Mittelpunkt dieses Seminars. Zunächst geht es um die elementare Erfassung des Wortlautes dieser kurzen Schrift. Ihre Interpretation wird uns mit ordens-, liturgie- und frömmigkeitsgeschichtlichen Aspekten bekannt machen. Nebst anderem wird es um Auslegungen des Salve regina von dritter Seite gehen, sodann ganz allgemein um die Wirkungsgeschichte dieses liturgischen Gesanges, dem immer wieder besondere Wirkungen, ja Wunder zugeschrieben worden sind. Beachtung verdient auch die Art und Weise, wie an ihm durch Versifikationen und Glossenlieder innerlateinisch weitergedichtet worden ist, und wie er in die Volkssprachen überführt worden ist. Unser besonderes Interesse wird auch der Stellung gelten, zu welcher das Salve regina im Dominikanerorden gelangt ist. — Für HistorikerInnnen gilt die Teilnahme an diesem Seminar als Kolloquium.



Wortbedeutung, Worterklärung und Wortschatz im Sprachverständnis des lateinischen Mittelalters
(Kolloquium)

lic. phil. Darko Senekovic
Do 14-16

Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung stehen die monumentalen Werke der Lexikographie, wie sie seit der Mitte des 11. und dann vor allem im 12. Jahrhundert geschaffen worden sind — namentlich diejenigen von Osbern von Gloucester, Hugucio von Pisa und Johannes Balbus. Es ist dies eine Zeit, in welcher die Reflexion über Sprache im allgemeinen und über den Wortschatz im besonderen auf eine neue Grundlage gestellt wird, z. B. durch Petrus Helie. In bis dahin nie gekannter Weise wurde das Wortgut inventarisiert und durch etymologisierende Zuordnungen durchgehend strukturiert, wobei traditionelles gelehrt-antiquarisches Wissen und spekulatives Denken einander ergänzen. — Durch die Lektüre und Diskussion ausgewählter Textpartien soll versucht werden, dem Entstehungsprozess dieser Werke und den hinter ihnen stehenden Konzepten auf die Spur zu kommen. Um das Phänomen ‘Wort’ im Sprachverständnis des lateinischen Mittelalters in einen breiteren sprachlichen und kulturellen Kontext zu stellen, sollen nebst den erwähnten lexikographischen und grammatikalischen Werken auch Enzyklopädien, Kommentare, Predigten und rhetorische Traktate von der Spätantike bis zum Spätmittelalter zur Sprache gebracht werden. — Die Teilnehmenden können ihre spezifischen Interessen in die Veranstaltung einbringen und so zu einer interdisziplinären Fragestellung beitragen. Grundkenntnisse in der lateinischen Sprache (kleines Latinum) sind von Vorteil.