XI. Von der Lebendigkeit des Lateinischen im Mittelalter

Das biomorphe Gegensatzpaar Lebendig-Tot wandte man erstmals in der Renaissance auf Sprachen an, um die Stellung des Volgare gegenüber dem Lateinischen zu kennzeichnen. Heute nennt man gemeinhin eine Sprache dann lebendig, wenn sie von einer Gemeinschaft von Menschen in der Gegenwart gesprochen wird. In diesem Sinne ist das Lateinische heute eine tote Sprache. Doch seit man damit begonnen hat, das Latein des Mittelalters zu erforschen, hat man sich immer wieder gefragt, wie dieses denn nun einzuordnen sei. Die Diskussion entzündete sich stets daran, daß niemand das mittelalterliche Latein für rundweg tot zu erklären wagt, daß es aber doch nur in eingeschränktem Sinne lebend genannt werden kann. Freilich wurde Latein im Mittelalter gesprochen, aber nicht von einem ganzen Volk, sondern von einzelnen Gliedern der respublica litteratorum unter allen Himmelsstrichen. Auch war, wie wir gesehen haben, mündlicher Gebrauch des Lateins zunächst weithin schriftlichem Textgut verhaftet. Mündlicher Gebrauch ist auf jeden Fall ein zu strenges Kriterium. Vielleicht darf eine Sprache so lange als lebendig bezeichnet werden, als die hochsprachliche Varietät mit der sprechsprachlichen in einem Austauschverhältnis steht. Für die Romania bezeichnet die Herausbildung der Volkssprache die Grenze, für die außerhalb liegenden Gebiete stellte sich die Frage gar nicht erst. Nach diesem vordergründigen Lebendigkeitsbegriff würden merowingische Texte, etwa die sogenannte Fredegarchronik (7. Jahrhundert) der lebendigen, die Werke der großen Angelsachsen Aldhelm (gestorben 709) und Beda Venerabilis (gestorben 735) einer toten Latinität zugehören.

Im Hochmittelalter bildete sich dann allerdings eine neue Situation heraus: Im kirchlich-gelehrten Bereich entwickelte sich eine auf Mündlichkeit beruhende Diskussionskultur, die zunehmend subtiler wurde und sich die hierzu erforderlichen sprachlichen Mittel schuf. Andererseits wurden die romanischen Sprachen, allen voran das Altfranzösische, zunehmend dazu befähigt, geistig-abstrakte Inhalte auszudrücken. Dadurch entstand auf neue Weise ein spannungsreicher Dualismus, wie er früher einmal geherrscht hatte.

Doch die Frage nach der Lebendigkeit einer Sprache meint auch diejenige, ob sie wandlungs-, ob sie entwicklungsfähig sei. Diese Frage teilt sich in zwei Aspekte: den der innersprachlichen Wandelbarkeit und den der Anpassung an die Gegenstände, die ausgedrückt werden sollten.

Was den ersteren betrifft, so ist, wie wir gesehen haben, die Sprache ständig weitergewachsen durch fortwährende Normenentfaltung, durch die Gewinnung alternativer Normen nicht im Sinne eines Ersatzes der hergebrachten Regeln oder eines endgültigen Umbaues der Sprache, sondern als Bereicherung durch neue Ausdrucksmöglichkeiten. Was den zweiten Aspekt betrifft, so herrschte im Mittelalter die grundlegende Überzeugung, daß die Sprache dazu da sei, äußere gesellschaftliche Verhältnisse wie auch geistig-seelische Erkenntnisse vollgültig darzustellen: Das hat man der lateinischen Sprache abverlangt, indem man sie je und je dazu ausrüstete.

Groß ist der Chor derer, die in bezug auf die Latinität der Renaissance in diesem Rückzug von den Erfordernissen des natürlichen Ausdrucksbedarfs in die vornehme Reinheit einer Literatursprache den Grund für das Absterben der lebendigen Tradition des Lateinischen beklagen, und das nicht ganz zu Unrecht. Doch behielt manche Anwendung des Lateins in der Renaissance (und darüber hinaus) den einen oder andern der hergebrachten Aspekte der Lebendigkeit. Auch hatte sich bereits im Spätmittelalter eine Aufgabenteilung zwischen Latein und den Volkssprachen angebahnt. Die Abwanderung mancher Funktionen an die letzteren war somit nicht gänzlich die Folge des neu aufgekommenen strengeren Gebrauches des Lateins, sondern auch schon dessen Begleitumstand. Die Entwicklung, welche diese Sprache bei den Humanisten genommen hatte, wurde als Gesundung, ja als Rettung aufgefaßt. Im übrigen lag es damals noch jenseits aller Denkmöglichkeiten, daß das Lateinische jemals untergehen könne. Wer immer heute mithelfen will, es vor diesem Schicksal zu bewahren, tut gut daran, sich nebst anderem auch auf das vielgestaltige Latein des Mittelalters zu besinnen.